Orpheus Nov./Dez. 2005

Den jungen Violin-Virtuosen traf Rosmarie Lutz

Sie tragen einen großen ,Namen’, - Nomen est Omen?
Ich empfinde es als sehr großes Glück, einen solchen „musikalischen Namen” zu tragen. Übrigens: mein Vater, Violinist und Mitglied der Düsseldorfer Symphoniker, heißt Robert Schumann!!! Ob Nomen wirklich Omen ist??? Leicht merken kann man sich den Namen auf jeden Fall!

Sie fingen mit vier Jahren mit dem Musik­unterricht an und wurden als Wunderkind betrachtet. Ist Ihrer Meinung nach da etwas dran?
Es ist natürlich denkbar schwer, von sich zu behaupten, man sei ein Wunderkind gewesen. Ich mag auch den Begriff überhaupt nicht, der besonders in der letzten Zeit richtig inflationiert wurde, so dass praktisch jedes Kind mit ein bisschen musikalischem Talent - egal in welcher Richtung - gleich als Wunderkind umjubelt und vermarktet wird. Das Problem bei diesen angeblichen Wunderkindern der Musik liegt oft darin, dass alsbald das Wunder geht und nur das Kind in der musikalischen und persönlichen Aussagekraft des Künstlers bleibt. Ich will gar nicht bestreiten, dass es Kinder gibt, die wahre Wunder darstellen, wie z. B. unter den Violinisten sicherlich Yehudi Menuhin eines war. Es handelt sich aber doch meines Erachtens um extrem seltene Erscheinungen.

Trotz Ihrer frühzeitigen und intensiven Beschäftigung mit der Violine haben Sie auch „normal“ leben können - Discos besucht, Freunde und Freundinnen gehabt?
Discos habe ich zwar nie gemocht und folg­lich auch nicht besucht, weil sie mir einfach zu laut sind, „normal” leben tue ich auch noch immer, so weit es überhaupt möglich ist für einen Musiker in meinem Alter, richtig „normal” zu leben. Es ist wie ein Abenteuer und immer anders: neue musikalische Geistesblitze, neue Begeg­nungen mit weiteren Künstlern usw.. Und das macht das Ganze so interessant und spannend! Es gab zwar immer wieder Zeiten, in denen ich mich sehr zurück­ziehen und auf viel verzichten musste. Doch weiß ich jetzt, dass man viel Zeit und Geduld braucht, um dieses Instrument zu beherrschen. Und noch viel mehr Zeit und Mühe muss man darin investieren, um sich musikalisch zu entwickeln und seine eigene Sprache zu finden. Um jedoch bei der ursprünglichen Frage zu bleiben, sollte man immer nach einem Gleich­gewicht streben und sich immer bemühen, ein „normales” Leben zu führen. Mit ande­ren Worten gesagt, die Musik nicht als vom Leben getrennt zu betrachten, sondern alle Lebenserfahrungen in die Musik mit einfließen zu lassen.

Haben Sie Vorbilder? Oder Menschen, die Ihnen in Ihrer Karriere wichtig gewesen sind oder noch sind?
Ich habe zwei Vorbilder, sowohl in musika­lischer wie menschlicher Hinsicht, da ich das Glück habe, sie persönlich zu kennen. Es handelt sich um meinen Lehrer, Professor Zakhar Bron, und um den Dirigenten Christoph Eschenbach. Mit Zakhar Bron studiere ich seit meinem zehnten Lebensjahr. Er hat mich in alle technischen und musikalischen Aspekte eingeführt, und ich lerne jeden Tag mehr von ihm. Er ist ein phantastischer Mensch der nur für die Musik und die Violine lebt. Seine Hingabe und seine Kraft bewundere ich und sehe ihn deshalb als Vorbild.
Eine ähnliche Bedeutung in meinem Leben hat Christoph Eschenbach. Seit längerer Zeit habe ich das große Glück, mit ihm arbeiten zu können. Durch ihn lerne ich viele neue Seiten der Musik und andere Ausdrucksmöglichkeiten kennen. Dank seiner Förderung konnte ich zuletzt mit dem Chicago Symphony Orchestra unter seiner Leitung spielen und an einer Tournee durch Japan teilnehmen.

Die wichtigsten Momente Ihrer bisherigen Laufbahn?
Alle meine öffentlichen Auftritte waren für mich gleich wichtig - ob beispielsweise der Leonard Bernstein Award oder die Japan-Tournee mit dem Schleswig Holstein-Musikfestival-Orchester und Christoph Eschenbach. Wichtig ist für mich auf der Bühne zu stehen und etwas vermitteln zu können, das Publikum zu bewegen und zu berühren, mit ihm Emotionen zu teilen, in ihm Gefühle zu erwecken. Da ist in meinen Augen auch der wichtigste Aspekt in der Musik, das Geben, das Teilen, nicht die Selbstdarstellung.

Sie sind kurz vor Abschluss Ihrer Studien - Wohin geht Ihr Weg?
In erster Linie wünsche ich mir eine Tätigkeit als Konzertsolist, aber zugleich möchte ich mich auch im Bereich Kammermusik betätigen.

Arbeiten Sie bereits mit einer Agentur zusammen?
Ja. Meine Agentin, Frau Astrid Schörke sitzt in Hannover. In Japan vertritt mich Frau Masumi Sato von Concert Imagine.

Ihr Repertoire - Highlights und nächste Einstudierungen?
Ich verfüge über ein relativ breitgefächertes Repertoire: von den sogenannten Standard Werken bis hin zu ausgefallenen oder weniger bekannten Musikstücken, von Barock bis in die Moderne. Und ich liebe es, Neues kennen zu lernen. Dennoch werden überwiegend die bekannten und beliebten Konzerte von Mozart, Dvorak Tschaikowsky und Brahms von den Veranstaltern gefragt.

Gibt es Aufnahmen von Ihnen, oder sind Einspielungen mit Ihnen geplant?
Ich suche dringend nach einem Label, das eine CD mit mir produzieren und vertreiben würde. Durch dieses Medium könnte ich neben meinen Auftritten noch ein weiteres Publikum erreichen.

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Welt am Sonntag

08. August 2004

Erik Schumann erhält den
„Leonard Bernstein Award’

„Ich lasse mich nicht drängen”
Am besten lässt sich dieses Gespräch so führen: Einer setzt sich in die Kochnische, eingeklemmt zwischen Wasserkocher und Aschenbecher. Der andere nimmt auf der Schlafcouch Platz, rechterhand das Regal mit Fernseher und Videokassetten, links daneben ein CD-Player. Ja, dies ist unverkennbar eine Studentenbude unserer Tage, eine Wohnung, der man wirklich nicht ansehen kann, dass sie eine besondere Heim- und Pflegestätte des Schönen, Guten, Wahren, kurz: der klassischen Musik ist. Aber das macht ja den Reiz der Klassik aus: In dieser Frack-und Lackschuh-Kunst steckt glücklicherweise oft ein sehr unverkrampftes Leben.
So wie das von Erik Schumann, der im siebten Semester an der Köhler Musikhochschule studiert. Die Hochschule liegt so nah an Schumanns oben beschriebener Wohnung, dass es sogar seine beiden eher gemächlichen Perserkatzen mit einem Sprung hinüber schaffen würden. Trotzdem bleibt Schumann zum Üben lieber zu Haus. Hier ist er ungestört. Hier braucht er sich nicht erst beim Pförtner für ein Übe-Zimmer anzustellen, um sich beispielsweise dem Beethovenschen Violinkonzert widmen zu können. Damit kommen wir zum Außergewöhnlichen in dieser normalen Musikstudentengeschichte.
Am kommenden Freitag wird Erik Schumann das Beethoven-Konzert beim Schleswig-Holstein-Musik-Festival spielen. Das allein wäre schon Grund genug, über ihn zu berichten. Obendrein aber wird Schumann an diesem Abend den „Leonard Bernstein Award” verliehen bekommen. Und damit wird unübersehbar, dass dieser 21-Jährige dabei ist, aus dem Stadium des bestaunten Nachwuchsgeigers herauszuwachsen.
Schumann spricht gerne über die Reife in der Musik, über den Gehalt, der an der Seele der Zuhörer rührt. Er, der, sich ja bestens darauf versteht, mit virtuosen Kabinettstücken und Gauklereien das Publikum zu verzaubern - er denkt nun viel lieber darüber nach, wie man eine Schubert-Sonate gut spielt und warum das „zehn Mal schwerer” sei als Pablo Sarasates „Zigeunerweisen”.
Manchmal unterbricht sich der junge Violinist, wenn er so ins Philosophieren gerät, „ich will nicht altklug sein”, sagt er dann. Sein Professor reagiere allergisch auf altkluge Schüler. Dieser Professor heißt Zakhar Bron, er ist der legendäre Lehrer von Geigern wie Maxim Vengerov oder Vadim Repin. Erik Schumann kam zu ihm, als er elf war. Und damit der Kölner Junge regelmäßig den Unterricht des damals noch in Lübeck lehrenden Meisters besuchen konnte, brachten die Eltern ihren Sohn bei einer Gastfamilie unter.
Inzwischen wirkt der Professor in Köln. Und es kommt immer öfter vor, dass sein Schüler mit ei­nem eigenen Interpretationsansatz in den Unterricht kommt. Und wenn es Schumann dann gelingt, diesen Allergiker des Altklugen zu überzeugen - dann will das was heißen. So also beginnt der Weg in die Selbstständigkeit - und in die Karriere. Schon wird die Frage an ihn herangetragen, mit welchem Image er sich auf dem Markt zu profilieren gedenke. „Aber”, sagt Schumann, „ich lasse mich nicht drängen.”
Andreas Fasel